Ich schreibe an meine Tochter und über Borderline

Ich kenne dich so gut, und langsam erkenne ich auch das Gesicht der Krankheit. Ich sehe, wenn du leer bist und mit toten Augen nach Hause kommst und nur schlafen oder sonst irgendwie der Realität entfliehen willst (und ich den Eindruck bekomme, dass jede Stunde deines Wachseins eine Qual ist). Wenn du freudlos von Treffen mit Freunden oder Partys nach Hause kommst (obwohl Freundschaften das sind, wonach du dich am meisten sehnst). Wenn die Spannung groß ist, kann ich es schon an der Stellung deines Kiefers erkennen (und dann am Verriegeln der Badezimmertür). All das darf ich beobachten, muss es aber hinnehmen und kann nicht helfen. Nicht mal trösten, weil du nie, aber auch wirklich NIE reden willst, in keiner Situation. Wenn dann doch mal eine Information zu deinem Innenleben durchkommt, schreist du sie mir in der Regel (zusammen mit jeder Menge Abwertung) ins Gesicht. Das bedeutet, dass das Zusammensein mit dir und das Denken an dich meist einhergeht mit einem dicken Knoten aus Trauer, Angst, Sorge, Rücksichtsnahme und Verzweiflung, weil diese extremen Zustände, in denen du dich befindest, längst die Normalität geworden sind.

Aber manchmal, wenn du destruktiv, abwertend und unfair zu mir bist, werde ich wütend. Weil ich mich von dir manipuliert fühle. Weil ich dich als undankbar empfinde. Weil ich nicht das Gefühl habe, dass du dich im Mindesten bemühst. Weil du in dem Moment wirklich unverschämt warst. Und dann streiten wir. Und, auch wenn ich mich schäme, das zuzugeben, begrüße ich diese Wut. Denn diese Wut trägt mich, befeuert mich, gibt mir Energie. Und das ist ein lebendiges Gefühl, das die anderen, viel schlimmeren Gefühle verdrängt. Sorge und Trauer tun mir weh, drücken mich zu Boden, lassen mich hilflos fühlen und nehmen mir alle Energie.

Ich wünschte, ich könnte ein positives, konstruktives Gefühl in diesen Mechanismus, den wir haben, einschleusen, aber bis ich das finde, ist Wut alles, was ich habe, um nicht deprimiert zu sein. Tut mir leid.

2 Antworten zu „Wut als Segen”.

  1. Ein wirklich schöner, achtsamer Text, und Blog.

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    1. Danke, das bedeutet mir viel!

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