Unmittelbar nach der Diagnose wollte ich am liebsten jedem sagen, was mit Dir los ist. Von mir ausgehend dachte ich, dass das ja nur eine Verbesserung mit sich bringen kann. Denn Leute würden zukünftig verstehen, was mit Dir los ist, würden vielleicht Rücksicht auf Dich nehmen oder Dich mit wohlwollenderen Augen betrachten. Dir nicht Charakterschwäche attestieren oder Dich komisch finden, wenn Du inadäquat reagierst, Situationen falsch einordnest, Dich abschottest oder reizbar bist. Ich ermutigte Dich zur Offenheit. Das muss ich in der Form zurücknehmen.
In der Selbsthilfegruppe wurde viel vom Verlust von Freunschaften berichtet, und dass man oftmals auf Ignoranz gestoßen sei. Du selbst hast die Erfahrung gemacht, dass die paar Leute, denen Du psychische Probleme angedeutet hast, Dich jetzt anders anschauen und behandeln. Als Du Deinen Schulzozialarbeiter um Rat gefragt hast, inwiefern Du Deine Lehrer informieren solltest, sagte er: „Die eine Hälfte des Kollegium ist so alt, die können mit sowas gar nichts anfangen. Einige andere sind vielleicht nett, wissen aber überhaupt nicht, was Borderline ist. Und dann gibt es noch ein paar echt engagierte, die Dir bestimmt helfen würden wollen“. Eine ernüchternder wie auch hilfreicher Kommentar.
Manche Menschen googlen vielleicht mal Borderline und lesen dann da von Suizidalität, Selbstverletzung, fehlender Impulskontrolle, Aggressivität, Trauma und Mißbrauch in der Kindheit – und machen sich dann ein Bild von der Person, das mit der Realität und den tatsächlichen Symptomen und Empfindungen gar nichts zu tun hat. Das Image der Borderliner ist kein gutes, sie werden in den Medien oft als toxisch, manipulativ und narzistisch dargestellt.
Dazu kommt: Menschen sind nicht unbedingt wohlwollend. Menschen mögen es nicht unbedingt komplex. Menschen machen sich nicht unbedingt die Mühe, sich zu informieren und nachzufragen, geschweige denn zu reflektieren und vielleicht Rücksicht zu nehmen. Menschen neigen auch dazu, sich von unangenehmen oder unverständlichen Dingen zu distanzieren. Und während jemand, der mit einem körperlichem Gebrechen geboren wird oder körperlich erkrankt, aufrichtig beadauert wird, haftet der psychischen Krankheit eine Hauch von Selbtverschuldung und Schwäche an. Etwas Unheimliches, was man nicht versteht. Wir können die Psyche nicht sehen, ihre Krankheit nicht wie erkranktes Gewebe unter einem Mikrokoskop oder auf einem Röntgenbild betrachten. Das macht es nicht greifbar und dadurch vielleicht auch beängstigend.
Und auch wenn ich selbst die Scham und das Stigma, das mit Deinem Zustand einhergeht, völlig ablehne, habe ich doch einen sehr großen Drang, Dich zu schützen. Ich wünschte, wir lebten in einer Welt, wo Du Deinen Schmerz teilen kannst und Dir nur Hilfe und Liebe und Verständnis dafür entgegenschlägt. Aber stattdessen musst Du neben den tausend Spagaten, die Du jeden Tag machst auch noch diesen machen: Dir gut überlegen, wem Du vertraust und ob Du Dein Gegenüber richtig einschätzen kannst. Ob Du von Schule, Uni, Arbeitgeber einen Vorteil oder einen Nachteil erwarten kannst, wenn Du sie über Deinen Zustand informieren würdest. Und das perfide ist, dass Deine psychosoziale „Verkabelung“ genau diese Abwägungen sehr schwierig für Dich macht.
Inzwischen ist mein Bedürfnis etwas herausschreien stark gedämpft, aus Angst vor Verletzungen. Ich bin dünnhäutig geworden und es würde mich kränken, wenn Menschen ignorant oder schlecht reagieren würden.
Natürlich haben wir einige ganz liebe Menschen in unserem Umfeld, denen wir uns anvertraut haben. Aber ich empfinde es schon so, dass unsere Welt kalt gegenüber den psychisch Kranken ist und sie dadurch doppelt gestraft sind.
Mich würde interessieren, wie ihr das seht. Wie offen geht ihr mit sowas um?
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