Ich schreibe an meine Tochter und über Borderline

Seit zwei Monaten gehe ich in eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Noch nicht lange genug, um für mich zu entscheiden, ob sie mir gut tut oder nicht. Vorab: Ich bin unendlich dankbar dafür, dass es Träger und Menschen gibt, die ein solches Angebot bereitstellen. Aber es ist auch nicht so, dass man nach so einem Treffen beflügelt und voller Hoffnung nach Hause geht. Das liegt natürlich auch in der Natur der Sache: Als Angehörige ist man stark in die Rolle der Passivität verbannt. Man leidet, ohne selbst etwas an der Ursache für das Leid ändern zu können. Daher kann eine Angehörigengruppe auch nicht zu einer direkten Verbesserung der Lage führen.

Was die Gruppe kann, ist einen Austausch untereinander zu leisten, der tröstend sein kann. Neben ein paar hilfreichen Informationen, die man erhält, liegt für mich aber auch Gefahr. Die Geschichten der anderen sind teilweise so fürchterlich, dass ich in erster Linie Angst bekomme, weil ich mich frage, ob so die Zukunft meines Kindes aussieht. Man hört extrem wenig Positives und Hoffnungsvolles. Mein Mann sagte dazu: „Die, die einen positiven Verlauf erlebt haben, müssen nicht mehr in eine Selbsthilfegruppe gehen.“ Vielleicht hat er recht: Sind wir die, die mitten im Gefecht stehen, und ein paar andere sind am anderen Ende des Tunnels auf der sonnigen Seite angekommen? Ich bete, dass er damit recht hat.

Was der Austausch noch mit mir macht: Ich empfinde sehr starkes Mitgefühl und Mitleid mit den anderen in der Gruppe. Das geht soweit, dass ich sie am liebsten unterstützen möchte. Wie eine Stumme, die einer Blinden den Weg erklären will. Überhaupt ist das dominante Gefühl Hilflosigkeit. Und auch wenn der Überbegriff Borderline unseren Erlebniswelten verbindet, unterstreicht die individuelle Hilfslosigkeit und Überforderung, die ich dort erlebe, auch die Einsamkeit mit unseren Gefühlen. Oft bleibt nicht mehr als ein schwaches, leises „Guck, dass Du auch auf Dich selbst achtest“ am Ende für niemanden stehen. Oder ist das, im Anbetracht der Situation, schon eine ganze Menge?

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