Ich schreibe an meine Tochter und über Borderline

Meine Mutter hat mal gesagt: „Man ist nur so glücklich wie sein unglücklichstes Kind“. Da ist was dran. Die Frage ist, wie gesund ist das für Dich? Wie gesund ist das für mich?

Seit Jahren trage ich täglich so viel Sorge, Schmerz und Verwirrung in mir, weil ich mir Dein Verhalten nicht erklären konnte. Es war mir so fremd, und hat in der Welt, wie ich sie erlebe, einfach nie Sinn gemacht. Jetzt weiß ich, dass das, was sich so „falsch“ angefühlt hat, eine ernsthafte Erkrankung ist. Der hyperaktive Problemlöser in mir jubelt: Jetzt können WIR es anpacken und die Situation endlich zum besseren wenden- doch es gibt kein WIR.

Denn ich bin zwar traurig und erschöpft, aber voller Tatendrang und versuch alle Ressourcen auszuschöpfen, um die Situation zu verbessern und das leid zu verringern. Du sitzt währenddessen alleine in Deinem „Loch mit glatten Wänden“ und fühlst Dich bestätigt darin, dass an Dir „schon immer alles falsch war“. Jetzt weißt Du auch was konkret nicht stimmt, aber statt Erleichterung oder Opportunität zu empfinden scheint die Diagnose ein Urteil für Dich zu sein. Du liest über Selbstmordraten auf fragwürdigen Websites. Du sagst jetzt Dinge wie: „Ich bin dazu verdammt, allein zu bleiben“. Oder „Ich glaube nicht, dass ich ein langes Leben führen werde.“ „Ich habe nicht viel Glück gehabt dabei, was das Leben mir zugeteilt hat“ und „Ich will nicht die Kranke sein“. Das bricht mir das Herz.

Ich leide unter Deinem Leid. Es tut so weh, dass ich es beseitigen muss. Deswegen kann ich nicht von Dir ablassen. Was auch ständig zu Konflikten führt. Ich dränge Dich zum Skills-Training, dränge Dich zu einer gesünderen Lebensweise, dränge Dich am Leben teilzunehmen, dränge Dich zu kämpfen.
Ist das gut? Nein. Müsstest Du das alles aus eigenem Antrieb machen? Ja. Aber was passiert, wenn ich loslasse? Du bist noch so jung, Pubertät wahrscheinlich noch am Wüten und Gehirn nicht fertig entwickelt. Darf ich Dich wirklich jetzt schon loslassen? Zulassen, dass Dein Loch noch tiefer wird und der normale Rahmen, der Deinem Leben noch Struktur gibt, sich auflöst? Was würde Borderline mit Dir machen, wenn ich Deinen Körper verwahrlosen lasse, nicht mehr drauf bestehe, dass du in die Schule gehst, Dich nicht mehr hin und wieder dränge, etwas zu unternehmen? Was passiert dann mit Deinem Selbsthass, Deinen Ängsten, Deiner Zukunft?

Ich weiß nicht, wie ich mich emotional von Dir abspalten soll, nicht mehr diesen Druck in der Brust fühlen soll, mich nicht mehr gequält fühlen soll, während Du in der Hölle bist. Du bist mein Kind! Wie kann ich Glück empfinden und mein Schicksal von Deinem abspalten? Ich weiß, dass ich Dir keine Hilfe sein werde, wenn ich kapputt gehe. Ich muss mir irgendwie eine kleine Portion Glück und Kraft bewahren, um Dir in den nächsten Jahren an der Seite stehen zu können. Um Deiner Schwester auch die Mutter sein zu können, die sie verdient. Oder Ehefrau und Partnerin zu sein.
Auf der anderen Seite hat mir die Mutter einer Betroffenen dazu geraten, Dich immer weiter zu drängen und zu stützen, weil Du Dich aus eigener kraft gerade nicht halten kannst.

Werde ich jemals wieder aufwachen und Glück und Leichtigkeit empfinden, solange Du unglücklich bist? Kann ich das? Muss ich das? Darf ich das?

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