Ich schreibe an meine Tochter und über Borderline

Ich frage mich, wie vielen Borderlinern oder deren Angehörigen es so geht, dass ihnen nach der Diagnose auf einmal die Schuppen von den Augen fallen. Bei uns war es auf jeden Fall so.

Schon als Kleinkind nannten wir dich Pokerface, weil du dir in Bezug auf deine Gefühle nicht in die Karten schauen lassen wolltest.

Mit 11 oder 12 hast du nach Soziopathie und Psychopathie gegoogelt. Du suchtest Antworten, weil du spürtest, dass etwas anders ist bei dir. Wir konnten damals sehen, dass du im Umgang der Menschen manches nicht richtig machst, und dachten, du würdest aus Erfahrungen lernen. Wir hatten keine Ahnung, dass du es nicht lernen kannst, weil die Chemie in deinem Gehirn eine andere ist. Ich schäme mich auch zu sagen, dass wir dachten, dass du nach einer Krankheit suchst, die du für deine Fehler verantwortlich machen kannst. Im Verlauf der Jahre hast du immer wieder selbst versucht, dich zu diagnostizieren, aber selbst eine Psychologin hat dir im Alter von 14 „lediglich“ Panikattacken diagnostiziert.

Ich weiß noch, als du mir als 14-Jährige zum ersten Mal gesagt hast, dass du manchmal nicht mehr leben möchtest und denkst, dass es besser wäre, wenn du nicht da wärst. Das war auf dem Höhepunkt einer riesigen Eskalation. Ich habe es dir abgenommen, dass du dich in dem Moment so fühlst, dachte aber, dass sich jeder hormonbeladene Teenager einmal in einer Krise überfordert fühlt, und so etwas in der Verzweiflung äußert.

Ich erinnere mich noch an ein Gespräch bei einem Strandspaziergang, wo du dich ausnahmsweise etwas geöffnet hast und mir gesagt hast, dass deine Welt so ohne Farben sei. Damals wusste ich nicht, dass dich wahrscheinlich ein Gefühl der Leere quälte.

Aber dann waren da auch Lachen, Funktionieren und Normalität.

Ich blicke mit so viel Scham und Trauer auf diese Erinnerungen. Ich weiß, dass Borderline erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird, aber hätte ich die Abweichung der Normalität nicht früher erkennen müssen? Hätte ich eine Krankheit erspüren müssen, und aufhören sollen, Dich wie ein gesundes Kind zu behandeln? Konnte ich es nicht, weil ich es nicht wahrhaben wollte? Hätte es etwas geändert? Hätte es dein Leid verringert?

Ich trauere jedenfalls so sehr um die Jahre, in denen du eigentlich hättest unbeschwert und glücklich sein müssen, dass es mein Herz zusammenzieht und die Luft nimmt. Stattdessen stehst du jetzt (hoffentlich) am Anfang einer großen Anstrengung, dem Weg des Lernens, der Heilung, der Therapie.

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